Das Geläut der Schlosskirche

Die Geschichte der Glocken von Meisenheim ist eng verbunden mit der Geschichte unserer mittelalterlichen Stadt. In einer Zeit wo es weder Uhren, Telefon, Radio und Fernsehen gab, bestimmten die Glocken den Tagesablauf.
Sie riefen zum Gottesdienst, sagten wann das Tagwerk begann und endete, warnten vor Feuer und dem Feind, verkündeten eine Geburt oder wenn einer verstorben war. Es ist eine wechselvolle Geschichte. Es gab Glocken, die von einem Glockenturm in den nächsten umzogen. Andere wiederum wurden zu Kriegszwecken eingeschmolzen. Über diese Glocken möchte ich etwas erzählen.
Im 52m hohen Turm der spätgotischen Schlosskirche hängen heute 4 Glocken. Die älteste Glocke, die Disibodenbergglocke wurde 1387 gegossen und kam 1641 nach Meisenheim. Die übrigen drei Glocken wurden 1922 von der Gießerei „Bochumer Verein“ gegossen. Sie dienen der Stadt in Koppelung mit der elektronisch gesteuerten Turmuhr als akustische Zeitansage. Durch den Doppelschlag zur vollen Stunde kommt es in 24 Stunden zu 552 Schlägen.
Die Schlosskirche wurde erbaut durch Ludwig den Schwarzen, Herzog von Pfalz Zweibrücken und seiner Frau Johanna von Croy. Die Grundsteinlegung war am 5.November 1479 und bereits am 24.Juni 1504 wurde sie geweiht. Baumeiser war Philipp von Gemünd.
Baurechnungen aus dem Jahre 1502 belegen “die Installation der großen Glocke“
Gleichzeitig wurde im Turm „in der durchbrochenen Pyramide über dem 8 eckigen Geschoß“ die Glöckerwohnung eingebaut. Erst 1825 wurde diese wieder entfernt[2].
Im Jahre 1592 stiftete Herzog Johann I. von Pfalz Zweibrücken eine neue „cis“ Glocke für die Schlosskirche. Der Mainzer Glockengießer Christian Klapperbach,- er war mehrfach für den Herzog tätig- goss sie.
Ihre Inschrift lautet:
CHRISTIAN KLAPPERBACH GOSS MICH ZU MEINTZ;
EINEN HELLEN KLANG HABE ICH; WACKER ZV SEIN ERMANE ICH;
WER ÜBERHÖREN WIERT MEINEN KLANG
DER SEHE DAS ER NITSCHLAF ZV LANG;
HERTZOG IOHANS PFALTZGRAF 1592
Außerdem befindet sich auf dem Glockenmantel ein Wappen, das einen nach links schauenden Löwen zeigt. Darunter ein Dreieck mit links und rechts einem Stern.
Am Rande des Wappens steht:
„HERTZOG IOHANS PFALTZGRAF 1592“
Diese Glocke kam 1688 in den Dachreiter der katholischen Kirche und seit 1963 läutet sie in der St. Hildegard Kapelle in Raumbach.
Um 1641 zersprang die große Glocke der Kirche. Der damalige Herzog Friedrich von Pfalz Zweibrücken benötigte dringend Geld. Die Stadt Meisenheim überließ ihm die Glocke. Er ließ sie einschmelzen und von dem Erlös reiste er nach Birkenfeld, um an der Hochzeit seines Vetters Georg Wilhelm mit einer Reichsgräfin teilzunehmen. Der Stadtrat aber verlangte Ersatz für die Glocke. Der Herzog ließ daraufhin die Disibodenbergglocke, die im Rathaus von Odernheim hing und Eigentum der Kirchschaffnei war, nach Meisenheim bringen. Dieses war mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Die Odernheimer wehrten sich gegen die Wegnahme ihrer Glocke, wie folgende Notizen aus dem Stadtratsprotokoll vom 18.Februar 1641aussagen.
„Nachdem unser gnädigster Fürst und Herr gnädig erlaubet, daß, weil die große Glocke allhier in der Kirch zersprungen, die große Glock zu Odernheim, welche unserer Herrschaft zuständig, weil uffs Kloster Disibodenberg gehörig, hierher geholt werden solle, deshalb dann den 16. Februar 1641 die Fuhre solche abzuholen gen Odernheim gefahren. Die Unterthanen zu Odernheim haben sollche Glock nit allein nit wollen folgen lassen, sondern habe dagegen sich gar rebellisch mit Scheltworten, Flüchen und anderem erzeiget wie folgende Zeugenaussage ausweißet“
„Jakob Küstner zeigt an, daß der Schlosser gesagt, man solle die Glock mit dem Pfarrer uffladen und hinwegführen, alsdann wolle er uff dem Berg stehen und mit einem Horn zur Kirch blasen, doch soll man in die Kirch gehen und solle ihnen noch einmal läuthen; so auch geschehen. Jakob Philipp Friedrich zeigt an, als wir kamen und einfahren wollten, haben Kist und Paulus sie nit wollen einlassen, und gesagt, was wollt ihr tun, ihr Glockendieb, solches repetiert, darauf er gesagt, wenn man sie also hieße, es sei wer er wolle, so hieße er ihn den ärgsten Schelm und Dieb. Die Odernheimer hätten die Jungen hingeschickt die Speichen an den Rädern entzwei zu schlagen, welches auch geschehen wäre, wenn man nicht so stark wehr getan hätte. Indem sie dann mit der Glock fortfahren wollten, haben die Weiber gesagt man solle hinfahren, man werde wenig Glück mit haben etc. Es folgten dann einige nicht wiederzugebende Schimpfworte. Johannes Wack, Wagner, sagt aus, daß Eckstein am Tor gesessen sagend, wir wären ärger als die Moriamischen und Croaten, die hätten ihnen die Glocken gelassen und wir wollten sie ihnen nehmen und als sie (die Meisenheimer) ausfahren wollten und Daniel Frühe von Staudernheim die Wacht gehabt, sagend, er könne nit uffmachen, der Bürgermeister hab ihnen die Schlüssel genommen.“
Die Disibodenbergglocke wiegt ca. 650kg und hat den Ton „a“. Ihr Durchmesser beträgt 1,02m und hat einen Umfang von 1,40m. Sie wurde 1387 gegossen und hing ursprünglich auf dem Disibodenberg in dem gleichnamigen Kloster[5] Sie war Teil eines 6er Geläutes. Das Kloster wurde von dem heiligen Disibod im 7. Jahrhundert gegründet und die Heilige Hildegard lebte und wirkte fast 40 Jahre dort. 1559 löste Herzog Wolfgang von Pfalz Zweibrücken das Kloster auf und der ganze Besitz wurde Eigentum der Kirchschaffnei. Die Glocke kam dann mit „ihrer kleinen Schwester“ nach Odernheim. Ihre Inschrift lautet übersetzt:
Vor Christ Namen fliehe alles Böse fort.
Im Jahre des Herrn 1387 hat unter Abt Ditmann mich Otto gegossen.
Durch Christum unsern Herrn.Amen.
Der Glockenmantel zeigt als Glockenzier die Kreuzigungsgruppe und die Muttergottes mit Jesuskind und Lilienstengel.
1879 wurden in der Hamm´schen Gießerei Kaiserslautern (Inhaber Max Faber) zwei Bronzeglocken gegossen. Die erste und größte Glocke wog 902kg und hatte den Ton „e“. Ihre Inschrift lautete:
„Evangelische Kirchschaffnei, Meisenheim, 1879“
„Ehre sei Gott in der Höhe“
Diese Glocke musste im 1. Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgegeben werden
Die zweite Glocke wog 360kg und hatte den Ton „a“. Ihre Inschrift lautete:
„Stadt Meisenheim 1879“
„Gelobt sei der Herr täglich“
„Gegossen von Max Faber in Kaiserslautern“
Das eine Glocke der Stadt Meisenheim gehörte, hatte folgenden Grund: Der Turm der Schlosskirche war ursprünglich in Besitz der Stadt Meisenheim. Erst 1886 wurde er gemeinschaftliches Eigentum. Nach 1980 ging der städtische Anteil an die Kirche über.
Über den Verbleib dieser und der 4. Glocke, mit der das Schlagwerk der Uhr verbunden war, ist mir leider nichts bekannt.
Im Jahre 1922 wurden in der Gießerei „Bochumer Verein“ 3 Gussstahlglocken für die Schlosskirche, in den Tonlagen „fis“, „e“ und „cis“, gegossen. Der obere Glockenstuhl musste sogar für die große 1560kg schwere Glocke, mit 1,57m Durchmesser extra umgebaut werden, denn sie benötigte den Platz von 2 Vorgängerglocken. Für die beiden anderen Stahlglocken wurde in der unteren Kammer ein neuer Glockenstuhl gebaut. Die neuen Glocken bekamen auch Stahljoche.
Die Inschrift einer Glocke lautet:
Gegossen Johann
Bis zu deinem letzten Klang, töne Glocke Dankgesang,
unseren tapferen Söhnen allen, die fürs Vaterland gefallen, 1914 -1918
Evangelische Kirchengemeinde Meisenheim
Die Inschrift der anderen Glocke lautet:
Ehre sei Gott in der Höhe
Während der großen Renovierung der Schlosskirche von 1962 bis 1968 erhielten die Glocken einen Elektromotor. Vorbei war die Zeit der Glockenseile, an denen der Küster und die Konfirmanden immer pünktlich die Glocken läuten mussten.
Die Disibodenbergglocke läutete ab 1922 nicht mehr. Ihr heller Klang passte nicht mehr zum Klang der Stahlglocken. Lediglich die Viertelstunde durfte sie noch ansagen.
Im Frühjahr 2011 ruckte und knirschte es im ganzen Glockenstuhl, wenn sich die Glocken in Bewegung setzten. Die Glockensachverständigen ordneten die Stilllegung des Geläutes an. Zu groß war die Verantwortung, dass jemand zu Schaden käme. Im Sommer 2012 setzte man auch noch den Stundenschlag aus. Die Glockenfirma Hörz aus Ulm wurde mit der Restaurierung der Glocken beauftragt. Der Zimmermeister Guido Kleyer aus Heimweiler übernahm die Holzarbeiten an den Glockenstühlen. Die Restaurierung kostete ca. 60.000,00€ Ein großer Teil wurde durch Spenden finanziert.
Seit dem 1.Adent 2012 läuten die Glocken der Schlosskirche wieder. Die alte Disibodenbergglocke von 1387 wurde mit viel Liebe restauriert und erklingt jetzt als Segensglocke bei Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten.
Das Taufglöcklein
Jeder in Meisenheim kennt meinen Schlag.
Die Viertelstund habe ich lange Zeit angesagt.
Im Jahre1387 wurde ich geboren, als größtes und schönstes der sechs Glockenkinder auserkoren.
Auf dem Disibodenberg lebte ich lange Zeit, meine Stimme hörte man meilenweit.
1504 wurden wir Glockenkinder verschleppt, kamen aber bald wieder in die Klosterkirche zurück.
1559 löste Herzog Wolfgang das Kloster auf. So nahm unser Schicksal seinen Lauf.
Meine kleine Schwester und ich blieben in Odernheim, die anderen kamen nach Duchroth, Landstuhl, Hundsbach und Breitenheim.
Der Abschied vom Disibodenberg fiel uns schwer. Unser schönes 6er Geläut hörte man nicht mehr.
1641 kam ich nach Meisenheim, fand im Turm der Schlosskirche ein neues Heim.
In all den Jahren ist viel geschehn, habe viel Freud und manches Leid gesehn.
1922 kamen neue Stahlglocken in den Glockenturm und ich hatte plötzlich nichts mehr zu tun.
Ganz bescheiden ließ ich fragen:„Darf ich wenigstens noch die Viertelstunde schlagen?“
So tat ich traurig den Meisenheimern kund, wenn vorüber war eine Viertelstund.
Doch plötzlich fing es an im Turm zu krachen. Erschrocken fragte. ich: „Was sind das für Sachen?“
Auch kamen viele Leute in den Glockenstuhl. Berieten sich, „Was können wir nur tun?“
Sie beschlossen: „Es muss ab heut, schweigen das Geläut!“
Nach einem Jahr, zu dumm, blieb auch der Stundenschlag stumm.
Es wurde bei vielen Aktivitäten um Spenden für die Restaurierung gebeten.
Nach langer Zeit ist es endlich so weit Die Glocken läuten wieder ab heut.
Nach all den Jahren wurden mir erteilt besondere Ehren:
Bei Taufen und Hochzeiten wird man nur noch meine Stimme hören.